
Deutschkanadischer
Kongress
German Canadian Congress - Ontario
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Professor Arnulf
Baring “Der polnische Schriftsteller und Publizist Andrzej Szczypiorski, den ich, wie vermutlich auch andere unter uns, sehr geschätzt habe (er starb vor einigen Monaten, Mitte Mai), schrieb Anfang dieses Jahres im Berliner “Tagesspiegel‘: Viel, befürchtete er, werde ihm vom neuen, dem 21. Jahrhundert, nicht mehr bleiben. Deshalb, fuhr er wörtlich fort, “habe ich wenig Lust, mich von dem zu Ende gehenden zu trennen. Es war weder süß noch gut zu mir, aber alles, was mich ausmacht und was ich geschaffen habe, gehört zu ihm, Auch meine Erinnerungen. Ohne die Erinnerungen existieren wir nicht mehr. Deshalb bleibe ich im vorigen Jahrhundert zurück. Dort sind meine Lieben, meine Leiden, meine Freuden und Enttäuschungen!” Viele von ihnen, von uns werden, zumal an diesem Tage, ähnlich empfinden wie er und ich. Der “Tag der Heimat” ist ein Tag der Erinnerung - je älter wir werden, desto mehr. Alle die wir hier versammelt sind, sind wesentlich von diesem fürchterlichen, auf weite Strecken entmenschten 20. Jahrhundert geprägt worden. Insofern erleben wir alle den Beginn des 21. Jahrhunderts mit der schüchternen Hoffnung, daß es für uns, aber vor allem für unsere Kinder und Enkel, in allen Völkern, ein friedliches, freundliches Jahrhundert werden möge. Sicher ist das ja nicht. Der Blick zurück auf das 20. Jahrhundert ist ein Blick der Trauer. Wie viele Millionen Menschen vieler europäischer Völker sind im 20. Jahrhundert aus ihrer Heimat vertrieben worden. Wenn wir nur an das eine Jahrzehnt nach Kriegsbeginn 1939 denken sind es allein in unserem Europa zwischen 1939 und1943 fünfzehn Millionen, zwischen 1944 und 1948 31 Millionen, also insgesamt an die fünfzig Millionen, die ihre Heimat zwangsweise verlassen mußten. Von uns Deutschen waren es fünfzehn Millionen, also so viele Menschen, wie heute in Skandinavien - und zwar in Dänemark, Finnland, Island und Norwegen - leben. Schwerer als der anhaltende Schmerz über die Vertreibungen wiegt natürlich die Trauer um die Toten - alle Toten. Man muß sich in solchen Augenblicken, um den richtigen Ton zu finden, immer der Tatsache bewußt sein, daß uns alle Toten zuhören. Wie viele, viele‚ unvorstellbar viele Millionen Menschen sind allein in Europa im 20. Jahrhundert nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern - zum Teil bestialisch - hingemordet worden! Als Deutsche trauern wir in erster Linie um die eigenen Toten, oder wir sollten doch um sie trauern: Frauen, Kinder, Greise. Frauen, die oft viele Jahre lang als kostenlose Arbeitskräfte, völlig rechtlose Zwangsarbeiter, festgehalten wurden. Nach Sibirien verschleppte Frauen, von denen so viele nicht zurückgekommen sind. Alle die Menschen, für die die “Stunde Null” nie aufgehört hat, nie zu Ende war. Es gibt zwar ab und an immer noch einzelne Stimmen, die uns die Trauer um deutsche Opfer mit der Begründung ausreden wollen: weil Hitler den Krieg begonnen habe, wir zur Nation der Täter gehörten, sei uns diese Trauer untersagt. Ich halte das für abwegig. Trauer um Tote — zumal um alle die, die vor der Zeit hingemordet, um ihr Leben gebracht wurden — ist ein elementares menschliches Bedürfnis. Es ist gut und richtig, wenn ehemalige Angehörige der Wehrmacht, soweit sie noch leben, bei der Schilderung eigener Untaten Scham bekennen. Es ist nicht unsere Sache, sondern die der Russen, mit der Tatsache fertig zu werden, daß man bei Stalins Tätern häufig vergebens nach Anzeichen von Reue sucht. So lief es Zuschauern doch kalt über den Rücken, als man kürzlich in der ARD-Sendereihe über den “Jahrhundertkrieg” zwischen dem Großdeutschen Reich und der Sowjetunion Suren Mirsojan, der in Stalingrad kämpfte, von seinem “guten Spaten” erzählen hörte, der deutsche Schädel gespalten hatte: “Es sah aus”, sagte er mit schelmischer Miene, “wie wenn man eine Tomate zerquetscht und der Saft herausspritzt.” ... Es ist gut, daß wir um die Toten anderer Länder trauern, die dem Krieg zum Opfer fielen, der von Deutschland ausgegangen war. Aber wir sollten dabei die eigenen Toten nicht übergehen, sollten ihrer gedenken, weil sie am meisten vergessen sind und, wenn wir uns nicht ihrer erinnern, in einer kalten Welt keine anderen Freunde haben. Ich möchte hier nur ein einziges Beispiel vergessener Opfer nennen. Wer kennt bei uns, außerhalb des Kreises der Betroffenen, das Schicksal der Wolfskinder? Natürlich war ihre Not, in vielen Fällen ihr Tod, wie im Vergleich deutlich wird, anders als Not und Tod der Anne Frank. Aber das Leiden jener ostpreußischen Waisen müßte unseren Schulkindern genauso geläufig sein wie der Untergang des jüdischen Mädchens aus Amsterdam. Wieso Wolfskinder? Wer war das überhaupt? Zu Wolfskindern wurden nach 1945 Tausende elternlos gewordener, allein übriggebliebener ostpreußischer Jungen und Mädchen, im nördlichen, russisch besetzten Teil dieser Provinz. “Wir hungerten”, berichtete eine Überlebende. “Die Großmutter starb, dann die Tante, die erst achtzehn war. Dann starb Mama. Es blieben nur die Schwester und ich. “Ich war dreizehn Jahre”, schrieb eine andere, “als die Mutter starb, und hatte die kleinen Geschwister. Und sie hat gesagt: ‚Ruth, du bist die Älteste, verlaß die kleinen Geschwister nicht. Der kleinste Bruder war drei Jahre alt. Der war ausgehungert, den habe ich immer geschleppt, und dann bin ich betteln gefahren!” Als ab September 1945 die neue Grenze zu Polen mit Stacheldrahtzäunen und Todesstreifen hermetisch abgeriegelt worden war, hatten deutsche Kinder nur dann eine Uberlebenschance, wenn es ihnen gelang, irgendwie nach Norden zu entkommen, um dort Eßbares zu erbetteln, auch einen Unterschlupf. Denn man überlebt als Kind nicht lange einsam in den Wäldern. Diese Waisen, die man in Litauen “kleine Deutsche” nannte, kamen vielfach mit dem Zug in die ihnen bis dahin unbekannte Nachbarregion. Personenzüge waren selten, außerdem hatte kaum jemand Geld für Fahrkarten. So versuchten es die Kinder mit Güterzügen, bei jedem Wetter, auch bei strömendem Regen und schneidender Kälte, in offenen Waggons, auf Puffern, in Bremserhäuschen. Wurden die Kinder erwischt, gab es Schläge, ja sie riskierten, rücksichtslos von den Güterzügen gestoßen zu werden, ungeachtet aller Folgen. Andere versuchten, auf Brettern über die Memel zu setzen. Der Fluß ist breit, die Strömung stark. “Was denkst du”, berichtet einer, “wie viele Kinder da ins Wasser gefallen sind. Das Brett fiel um - das Kind war weg!” Man mag von Patrick Buchanan, dem amerikanischen Publizisten und zeitweiligen Präsidentschaftskandidaten, halten, was man will. Aber er hatte sicher Recht mit dem Satz: “Die Welt weiß alles, was die Deutschen getan haben; die Welt weiß nichts von dem, was den Deutschen angetan wurde.” Unser Volk wird erst dann mit sich selbst ins Reine kommen, seine Selbstachtung und Würde zurückgewinnen, wenn es sich die Trauer auch um alle eigenen Toten gestattet. “Tag der Heimat” meint wesentlich nicht den Verlust von Menschen, Verwandten, Nachbarn, all denen, mit denen man in der Erinnerung die Vergangenheit aufleben lassen kann, der Tag der Heimat gilt den verlorenen Kindheits-Räumen. Man hat gesagt, daß Heimat immer das Verlorene, das Verklärte sei. Heimat ist eine Verlusterfahrung. Erst die Entfernung öffnet den Blick und das Herz. Weil die Kindheit, wie sie auch war, den meisten von uns im Rückblick als Paradies erscheint, gilt, was Marcel Proust gesagt hat: Alle Paradiese seien verlorene Paradiese. Seit der Romantik leben wir mit dem Bild des Fortgehens in die Ferne am Beginn des Erwachsenwerdens, mit der Einsamkeit dort und der Rückwendung zum verlorenen Ursprung in Sehnsucht und Heimweh. Manche meinen - und wir im Westen, die nicht vertrieben wurden, kennen diese Erfahrung-‚ daß die Rückkehr in die einst vertraute Umgebung in späteren Jahren fast immer mit großen Enttäuschungen verbunden sei: Häuser sind abgerissen, Bäume gefällt, Straßen verbreitert worden. Neubauten erscheinen uns kalt, Bewohner fremd. Kein Wunder, denn viele der Menschen, die wir kannten, leben längst, wie wir auch, an anderen Orten. Die Zerstörung von Heimat Tag für Tag, Jahr für Jahr, um uns her ist die normale Erfahrung geworden, und insofern kann man mit Christian Graf Krockow sagen: “Heimatvertrieben zu sein, das ist unser Schicksal, die Kehrseite des Fortschritts, der Preis unseres Aufstiegs zum Wohlstand. Mit der verlorenen Heimat im Osten liegt es freilich anders. Sie ist weiter weg, mehr verloren als westliche Heimaten. Denn seit mehr als einem halben Jahrhundert gehört sie zu anderen Staaten, wo man andere, schwer erlernbare, Sprachen spricht. Es fällt noch schwerer, von anderen Barrieren ganz abgesehen, sich mit den heutigen Bewohnern dort zu verständigen, schwerer als mit fremden, eigenen Landsleuten hier. Auf der anderen Seite sind Städte und Dörfer im alten Osten unseres Landes, soweit sie nicht im Krieg vernichtet wurden, in vielen Fällen viel weniger verändert als im Westen, der wegen des Wirtschaftswunders einen stürmischen, dynamischen Wandel erlebte. Viele Orte unserer früheren Ostgebiete, ja ganz Ostmitteleuropas, sehen noch heute weithin so aus wie,in den Jahrzehnten, lange ist‘s her, als wir In den dreißiger, frühen vierziger Jahren Kinder waren. Wir sind längst erwachsen und wundern uns, wenn wir zurückkehren, wie geschrumpft, wie kleinräumig die Heimat doch ist. In der Erinnerung kam sie uns größer vor, weil wir damals kurze Beine, kleine Schritte hatten und viel länger brauchten von Ecke zu Ecke. Weil das heutige Erscheinungsbild im Osten oft ganz der eigenen Erinnerung entspricht, ist das Wiedersehen schmerzlicher als bei Heimatorten im Westen. Nicht ohne Bitterkeit wird mancher Vertriebene nach 1990 die Landsleute beneidet haben, die in ihre frühere Heimat, nach Sachsen und Thüringen, nach Mecklenburg und in die Mark, zurückkehren konnten, besuchsweise, auch auf Dauer, in zurückgegebene oder auch neu erworbene Häuser. Denn der Preis für die Wiedervereinigung war, wie wir alle wissen, daß das vereinte Deutschland; nunmehr endgültig., auf die Gebiete jenseits von Oder und Neiße verzichtet hat. Es ist übrigens sehr die Frage, ob wir gut daran getan haben, seither den Ausdruck “Ostdeutschland” ausschließlich für die Gebiete zu verwenden, die vorher DDR waren. Ist Rostock eine ostdeutsche und nicht vielmehr eine norddeutsche Stadt? Liegen Leipzig, Wittenberg und Weimar in OstdeutschLand? Ich würde sie für mitteldeutsch halten. Mein Göttinger Kollege Hartmut Boockmann hat gemeint, die Bezeichnung ostdeutsch ziele nicht auf staatsrechtliche Zugehörigkeiten. Die heutige Rede von Ostdeutschland habe aber den Zweck, den Gebrauch dieser Benennung für Gebiete jenseits der heutigen Ostgrenze auszuschließen. Sie solle erkennen lassen, daß derjenige, der so snricht. die heutige Grenze zwischen Deutschland und Polen akzeptierel “Wenn man aber das alte Danzig oder das alte Stettin zur Kenntnis nimmt (schrieb Boockmann wörtlich), kann man nicht übersehen, daß man es hier mit Zeugnissen deutscher Kultur und Geschichte zu tun bekommt. Und warum sollte man das auch übersehen?” Wenn es darum gehe, fuhr Boockmann fort, nicht vergessen zu lassen, daß Deutschland den Zweiten Weltkrieg verursacht habe, sei gut denkbar, daß die Reservierung der Bezeichnung “Ostdeutschland” für die einstige DDR einer derartigen Erinnerung geradezu entgegenwirke. “Wenn man vergessen macht, daß Deutschland im Jahre 1945 um einen beträchtlichen Teil seines Gebietes reduziert und daß ein nicht weniger beträchtlicher Teil der Deutschen aus seinen Heimatgebieten vertrieben worden ist, dann verdrängt man auch leicht aus dem Gedächtnis, warum das geschah. So stellt die Rede vom ostdeutschen Eisenach keinen Beitrag zu einem gedeihlichen Zusamenleben der Völker in Europa dar, sondern sie müßte auf Dauer das Gegenteil bewirken. Wenn wir Deutschen nicht wissen, was mit uns im Jahre 1945 geschehen ist, werden wir uns auch nicht daran erinnern, was wir seit 1933 getan haben...” Ich glaube, daß diese skeptischen Sätze des inzwischen verstorbenen, hoch angesehenen Historikers Boockmann uns nachdenklich werden lassen sollten. Damit ist schon gesagt, daß ich die in der Bundesrepublik verbreitete Tendenz immer bedauert habe, den Verlust Ostdeutschlands und die Vertreibung von dort allein als eine Angelegenheit der unmittelbar Betroffenen zu betrachten, als einen persönlichen Schicksalsschlag wie den Brand eines vom Blitz getroffenen Hauses oder den Unfalltod enger Verwandter. Alle Deutschen haben doch einen Verlust erlitten, der sie schmerzen sollte. Alexander und Margarete Mitscherlich haben in den sechziger Jahren ein damals viel beachtetes Buch geschrieben, in dem sie die vermeintliche deutsche “Unfähigkeit zu trauern” beklagten. Ich halte diese These, was die Bundesrepublik angeht, für falsch - gerade im Vergleich zur DDR und zu Österreich. Die DDR mit ihrem staatlich verordneten Antifaschismus erklärte die häßliche braune Vergangenheit zu einer rein westdeutschen Vergangenheit, schob nicht nur die finanzielle Haftung für alle Kriegsfolgen, zumal die Verbrechen, resolut den Westdeutschen zu und rechnete sich, als Sattelit der siegreichen Sowjetunion, selbst halbwegs unter die Siegermächte. Die Österreicher konnten sich lange mit Unschuldsmiene als erstes Opfer der Hitlerschen Aggression ausgeben und betrachten und ihrerseits insofern fast unter die Sieger des Zweiten Weltkriegs rechnen. Nur die Westdeutschen haben sich im Laufe der Jahrzehnte mehr und mehr die fürchterlichen Untaten jener zwölf Jahre vor Augen geführt, die Vergangenheitsbewältigung zum Dauerthema gemacht, alle Opfer des Krieges und der Verbrechen, alles Zerstörte und Vernichtete aufrichtig betrauert. Sie, wir, trauern weiter, bis zum heutigen Tage. Aber die beiden Mitscherlichs haben durchaus Recht mit ihrer These im Blick auf die früheren Ostgebiete, die deutschen Spuren, an vielen Orten Ostmitteleuropas. Die Deutschen trauen sich nicht, wie ich schon sagte, die eigenen Verluste zu betrauem. Viele unter uns haben einfach verdrängt, was wir alle mit Ostdeutschland, diesem Viertel unseres Landes, verloren haben: viele schöne alte Städte mit historischen Marktplätzen, Rathäusern, Kirchen, Bürgerbauten, - Burgen und Schlösser, herrliche, unverhaute Landschaften unter weitem Himmel, Wälder und Seen; Mundarten, Mentalitäten. Wir haben die Teilhabe Deutschlands am Osten Europas verloren. Sie wird in der früheren Weise nie wiederkehren. Unser Land hat damit mehr eingebüßt als das Riesengebirge oder Masuren. “Denn aus dem Osten kamen nicht nur das ostpreußische Korn und die schlesische Kohle”, schreibt Wolf Jobst Siedler. “Deutschland hatte durch seinen eigenen Osten auch in seelischer Hinsicht an der östlichen welt teil, an Religiosität, Mentalität und Lebensgefühl.” Es ist und bleibt ein Jammer, daß wir Schlesien, Pommern und Ostpreußen (das in seinem unglaublich verwahrlosten russischen Teil heute das am meisten verwüstete Gebiet Europas ist) für immer unwiederbringlich verloren haben. Jerzy Krasuski, der polnische Historiker, hat völlig richtig schon vor drei Jahrzehnten im Rückblick geschrieben: “Die Deutschen erfuhren in ihrer Geschichte drei Katastrophen: Die erste war der Niedergang der Hohenstaufen, der im Grunde gleichzeitig der Niedergang des mittelalterlichen Kaisertums war, die zweite der Dreißigjährige Krieg und seine Folgen, die dritte, zwei verlorene Weltkriege und der Verlust von östlichen Landschaften, die sie in tausend Jahren erobert hatten.” In diesen Perspektiven,
in solchen Größenordnungen muß man sehen, was wir Deutsche im 20.
Jahrhundert erlebt haben. Wie wenigen unter den Nichtvertriebenen ist
das bewußt! Viele glauben, es sei zwischen uns und den Polen immer so mörderisch
zugegangen wie in den ideologisch aufgehetzten Zeiten eines fanatischen
Nationalismus. Manche denken sogar, unsere Ostgrenze habe sich permanent
zu deutschen Gunsten verschoben. Dabei war sie doch überJahrhunderte
hinweg eine der sta- Unsere Geschichtsvergessenheit tut uns nicht gut. Es ist daher wichtig, daß die Deutschen insgesamt die eigene Trauer zulassen, nicht weiter von sich wegschieben. Die Verweigerung dieser Trauerarbeit ist mir unheimlich, hat mich immer beunruhigt. Wir müssen uns und unseren Nachkommen um der eigenen inneren Balance willen das in ganz Ostmitteleuropa Verlorene bewußt machen, es uns neu vor Augen führen, im Gedächtnis bewahren, damit im doppelten Sinne aufheben. Wir sollten, die Vertriebenen zumal (sie tun das ja längst), ihre Erfahrungen und Kenntnisse neuen Generationen weitergeben, Spuren sichern, Neugier wecken, auch Stolz auf eine große und - insgesamt gesehen- friedliche Auf bauleistung vieler Generationen unseres Volkes, die sich sehen lassen kann, an vielen Orten heute noch in Augenschein zu nehmen ist.... Weshalb aber sind so wenige bei uns bisher neugierig, wie es östlich von uns aussieht? Die Oder, früher die Mitte der Monarchie, bildet nun unsere östliche Grenze. Die Polen sind nach den Franzosen unser größter, wichtigster Partner. Aber schon die Atlanten behandeln den Raum zwischen uns und den Russen stiefmütterlich. Hindert der verdrängte Schmerz über den Verlust vieler Gebiete, in denen die Deutschen, weit über Polen hinaus, einst zu Hause waren, ihre Spuren hinterlassen haben, unsere sonst doch unbändige Reiselust? Ist es die Furcht, Landschaften zu betreten, die ernst von Deutschen und Juden geprägt wurden? Die einen sind ermordet, die anderen hat man vertrieben. Was hindert uns, nach der Heimat von Johannes Bukowski, Paul Celan oder Elias Canetti zu suchen? Warum will selten jemand von uns herausfinden, wie es in der Bukowina, in Siebenbürgen oder Galizien heute aussieht? Wer war eigentlich schon auf dem Windenburger Leuchtturm, an der melancholischen Memel, bei Thomas Mann auf der Kurischen Nehrung? Wer kennt den Domberg von Reval, die Tartlauer Kirchenburg und das Bayerische Haus in Odessa? Wer sah den Flügelaltar der Söhne des Veit Stoß in der Stadtpfarrkirche des heute rumänischen Mühlberg? Noch immer besuchen nur wenige Breslau mit seinem Marktplatz, der Sandinsel, dem Dom, der Universität mit ihrer Aula Leopoldina, in der noch immer - oder wieder - das Portrait Friedrichs des Großen hängt. Noch geringer ist die Zahl derer, die das ganz mittelalterliche Thorn oder, gleichfalls an der Weichsel, die alte Königsstadt Krakau kennen, obwohl doch beide Orte in unserer Nähe liegen. Da darf man sich nicht wundern, wenn den meisten von uns die Kreml von Nowgorod oder Pleskau, diesen Hansestädten, nichts sagen. Menschen vor Ort kennen oft unser Erbe besser als wir, setzen deutsche Traditionen eindrucksvoll fort. Das deutschsprachige Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt ist heute eine rumänische Brücke nach Deutschland, nach Europa geworden. Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen wirbt eindringlich für ein “Zentrum gegen Vertreibungen”. Es soll dieses düstere Kapitel der Vergangenheit und Gegenwart international vergleichend ins allgemeine Bewußtsein heben. Gut, richtig. Wir werden außerdem vermutlich bald ein nationales Menschenrechtsinstitut bekommen. Das sind begrüßenswerte Initiativen. Für unsere Zukunft wird aber auch wichtig sein, kommenden Generationen bewußt zu machen, was von der Geschichte der Deutschen im Osten Europas erinnerungswürdig bleibt.”
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